Ein andersartiger Freund

💝 Ein kleines MĂ€rchen fĂŒrs Herz 💝

Merry Christmas

Catherine

Das Wetter ist grau, der Himmel hĂ€ngt tief, es sieht danach aus, dass der neue Tag keinen Sonnenschein, dafĂŒr aber neuen Schneefall bringen wir. Ein ganz normaler Dezembertag fĂŒr die Erwachsenen, die mit Weihnachts- Vorbereitungen bestĂ€tigt sind, aber ein Tag voller Versprechungen fĂŒr Bastien und Sophie.

Wie gewohnt hĂ€ufen die beiden Freunde sorgfĂ€ltig den frisch gefallenen Schnee auf. Dieser ist nass, klebt ein bisschen, einfach perfekt: Ihr Iglu wĂŒrde dieses Jahr wieder der schönste sein. Noch einige weinige Tage und noch etwas mehr vom weißem Gold, und der nette Nachbar wĂŒrde ihnen endlich dabei helfen, diesen unförmigen Haufen in ihr Versteck zu verwandeln.


Unzertrennlich seit jenem Tag, als der sechsjĂ€hrige Bastien in Begleitung seiner Eltern an Sophies TĂŒre geklingelt hatte, verbrachten die beiden Kinder ihre ganze Freizeit miteinander. Am ersten Schultag hatten dei beiden beschlossen, nebeneinander zu sitzen, und das machten sie von da an immer.

Da ist nun fĂŒnf Jahre her und es hat sich in dieser Zeit nicht geĂ€ndert, ausser vielleicht die Tatsache, dass alle Leute, Erwachsenen und Kinder, die beiden nur noch "die fröhlichen Zwillinge" nennen. Bastien und Sophie mochten diesen Spitznamen, denn er widerspiegelte sehr treffend die GefĂŒhle, die die beiden miteinander verbanden und auch die Art und Weise das Leben zu betrachten.

" Niemals einer ohne den anderen, Freunde fĂŒrs Leben, bis zum Tod ", wie sie einander immer wieder mit erstem Gesichtsausdruck beteuerten.


Mit rote Backen, kalten HĂ€nden, und von der KĂ€lte rissig gewordenen Lippen sind die beiden Kinder mit Leib und Seele bei der Sache.

"Bald, bald", sagen sie immer wieder lÀchelnd zueinander und ihre Augen glitzern bei der Erinnerung an den letzten Winter.

Bald wĂŒrden sie in ihrem Schlupfwinkel sein, ganz alleine, ohne Erwachsene. Nach einem ganzen Sommer des Wartens wĂŒrden sie bald wieder ihren Iglu haben, diesen vergĂ€ngliche Schlupfwinkel, der unter dem Jahr in ihren Gedanken und Erinnerungen immer wieder auflebt.

- Zusammen mit dem Geheimnis, das sie seit fĂŒnf Jahren miteinander teilen



***********


In dem Augenblick, als sein Schneeball gegen Sophies Gesicht prallte, bemerkte Bastian zum ersten Mal die kleinen lachenden Augen, welche die beiden Kinder beobachteten. Er versuchte zu erraten, wer sich hinter der großen Tanne im Garten versteckt hielt, konnte aber nur eine kleine Silhouette entdecken, die einen Hut zu tragen schien.

Als das kleine Wesen merkte, dass es entdeckt worden war, schenkte es den beiden Kindern ein freundliches LĂ€cheln und verschwand.

Ohne eine Sekunde zu verlieren, packte Bastien Sophies Hand und entschloss sich, dem kleinen Wesen sofort zu folgen. Er begann zu rennen, im Schlepptau seine Freundin Sophie, die völlig ĂŒberrascht war ĂŒber Bastiens plötzliches Gebaren.


"Da, schau dort, das kleine grĂŒne MĂ€nnchen, dort ist es! "flĂŒsterte er atemlos Sophie zu, mit dem Finger zum kleinen Waldeingang zeigend, wĂ€hrend er den Schneehang hinauf rannte.

"Da ist es! »

Die Figur bewegte sich sehr schnell vorwĂ€rts und hinterliess dabei auf dem frischen Schnee kleine Fussspuren. Lustige Spuren waren das: zu klein, um die eines Erwachsenen zu sein, zu tief, um die eines Kindes zu sein. Doch sie waren da, ein Beweis dafĂŒr, dass der Schatten hier vorbei gekommen war. Die spuren verrieten nichts und die Kinder schwiegen, wĂ€hrend sie Schritt fĂŒr Schritt dem kleinen Wesen folgten.


Trotz allen Anstrengungen wurde der Abstand zwischen ihnen immer grösser. Und bald zeugten nur noch die Spuren im Schnee davon, dass die beiden Kinder nicht getrÀumt hatten.

EnttĂ€uscht und mĂŒde beschlossen Sophie und Bastian wieder umzukehren. Doch ihre Neugier war geweckt und es fiel ihnen in dieser Nacht sehr schwer, einzuschlafen.

Von da an hofften sie jedes Mal, wenn sie im Garten spielten, dass das MĂ€nnchen sich zeigen wĂŒrde.


TatsÀchlich wurden siewÀhrend des ganzen Dezembers in ihrer Hoffnung nicht enttÀuscht. Immer und immer wieder konnten sie den Gnom irgendwo entdecken. Doch jedes Mal, wenn sie hinter ihm her liefen, verschwanden seine Umrisse in der Nacht, noch bevor sie den kleinen Wicht hÀtten einholen können.

Allerdings bemerkten sie, dass der Abstand zwischen ihnen und dem kleinen Wicht von Mal zu Mal kleiner wĂŒrde und dass der "GrĂŒne Zwerg", wie sie ihn inzwischen liebevoll nannten, mit der Zeit etwas von seiner Scheu verloren hatte. Er schien sogar Spass daran bekommen zu haben, sich aus dem Licht in den Schatten zu bewegen, damit sie ihn nur ganz allmĂ€hlich entdecken konnten.


Der Zwerg war kaum einen Meter groß und ganz in GrĂŒn gekleidet, von den Schuhspitzen bis zur Hutspitze. Es war ein ganz spezielles GrĂŒn, das fast lebendig schien, so dass man es ohne weiteres mit Baummoos hĂ€tte verwechseln können. Wenn das kleine Wesen von einem Baum zum anderen lief, schien sich die grĂŒne Farbe zu Ă€ndern und an die Umgebung anzupassen.

Sein spitzer Hut schwankte im Wind und mit seinen Bewegungen, er war fast vollstĂ€ndig ĂŒber das linke Ohr gezogen wĂ€hrend er das rechte Ohr unbedeckt liess.

Das grosse und zu einem Spitz geformte Ohr war fĂŒr die Kinder der erste Hinweis dafĂŒr, dass sie es nicht mit einem ĂŒbermĂŒtigen Klassenkameraden zu tun hatten. Ein spitzes Ohr, eine kleine spitze Nase, ein spitzes Kinn, spitzige Schuhe, alles an diesem Zwerg schien spitzig zu sein, mit Ausnahme seines runden und gut gefĂŒllten Lederbeutels, der an seinem Ledergurt befestigt war.


Und wieder einmal entdeckten die Kinder den grĂŒnen Wicht bei der Hausecke, nachdem sein Hut ihn verraten hatte. Aber einmal mehr verschwand er wieder ganz schnell im Schatten des nahen gelegenen Waldes.

"Das nĂ€chstes Mal, das nĂ€chstes Mal vielleicht", sagten sie ein wenig enttĂ€uscht zueinander. Und genau in diesem Moment entdeckten sie den Zettel mit einigen in WaldgrĂŒn darauf geschriebenen Worten



***********


Endlich naht der 24. Dezember.


Die Zeit schient wie in Zeitlupe zu vergehen, wÀhrend die beiden Freunde ungeduldig auf die Weihnachtsnacht warten. Die Erwachse denken, die Kinder seien so aufgeregt wegen den Geschenken und dem Tannenbaum.

Sophie und Bastien lassen sie reden, und sie wissen warum. Sie wollen nichts erklÀren, sie wollen nichts verderben. Es ist ihr Geheimnis, es ist ihr Versprechen.



Alles ist bereit fĂŒr heute Abend. Das Iglu ist fertig gebaut, schöner denn je zuvor, und bereits gut eingerichtet mit warmen Decken und einem Vorrat an Kerzen.

"Heute Abend, heute Abend" flĂŒstert Bastien in Sophie Ohr. Mit vor Erwartung leuchtenden Augen warten sie auf den grossen Moment.


Der Weihnachtsabend war wie immer, nun waren alle Geschenke geöffnet und die Erwachsenen diskutierten im Wohnzimmer mit ihren vom guten Essen gefĂŒllten BĂ€uchen.

Endlich kommt der lange herbeigesehnte Moment: Sophie und Bastien machen sich mit zwei Kerzen parat. Die Erwachsenen zeigen keine Reaktion, sie wissen, dass Bastien und Sophie die nĂ€chste zwei Stunden alleine im Iglu verbringen werden, so, wie sie das seit fĂŒnf Jahren gewohnt sind, eine feste Weihnachtstradition.


Was die Erwachsenen aber nicht ahnen ist, dass seit jenem einzigartigen Abend vor fĂŒnf Jahren, als zwei lachende Augen die Kinder zum ersten Mal beobachtet hatten, Sophie und Bastien in der Nacht des 24. Dezember in ihrem Iglu ein kleines Wesen treffen. Einen Freund mit spitzen Ohren, ganz in GrĂŒn gekleidet, mit einem spitzen Hut, der die beide Kinder jedes Mal ĂŒberrascht, wenn er ihnen die Ereignisse des vergangenen Jahres in einem neuen Licht zeigt, aber auch die Freuden und Wunder des kommenden Jahres offenlegt...

Wie ĂŒblich ist Samor bereits dort, geduldig auf die Ankunft der beiden Freunde wartend. "Schon fĂŒnf Jahre ist es her, seit sie mich endlich sehen konnten", sagt er zu sich selbst und lĂ€chelt bei der Erinnerung an jene einzigartige Nacht, als die kleinen Kinder ihm gefolgt waren, und an das Versteckspiel denkend, das den ganzen Dezember lang angedauert hatte. Jedes Mal hatte er dabei den beiden erlaubt, ihn ein bisschen besser zu sehen, von ihm ein wenig mehr zu entdecken, den beiden Zeit lassend, sich an seine ungewöhnliche Erscheinung gewöhnen zu können.



Schliesslich hatte er ihnen einen Zettel mit den einfachen Worten zurĂŒckgelassen.


"Iglu, 24. Dezember, 21 Uhr."


"Ich hatte recht an die beiden Kinder zu glauben, an die StĂ€rke ihrer Freundschaft und an ihre FĂ€higkeit, mich so zu akzeptieren, wie ich bin", sinniert er und erinnert sich an die langen Diskussionen mit den anderen Elfen, welche davon ĂŒberzeugt waren, dass die Kommunikation mit den Menschen fĂŒr immer abgebrochen war. Er war froh, dass es ihm gelungen war, das Gegenteil zu beweisen und dass er andere dadurch hatte ermutigen können seinem Beispiel zu folgen. Er ist ein kleiner Heil geworden in der Gemeinschaft der Elfen. – Und all das dank Bastien und Sophie, seinen allerersten SchĂŒtzlingen. Es freute sich deshalb darauf, die beide wieder zu treffen bei ihrem jĂ€hrlichen Rendezvous im Iglu.


"Ich bin stolz auf euch", sagte er den beiden bei ihrem Eintreffen und drĂŒckte sie fest in seine kleinen Arme. Die Kinder waren seit ihrem ersten Treffen ein schönes StĂŒck gewachsen und inzwischen fast einen Kopf grĂ¶ĂŸer als er. "Sie wachsten zu hĂŒbschen Teenagern heran." ĂŒberlegt er mit einem LĂ€cheln, das viel von seinen GefĂŒhlen fĂŒr die beiden Kinder offenbart.

"Ich bin stolz, dass ihr die HerzensqualitÀten beibehalten habt, die mir erlauben, wieder bei euch zu sein und ich bin stolz auf eure Fortschritte".

Die Wangen von Bastien und Sophie erröten vor Freude ĂŒber das Kompliment. Obwohl sie sich bereits gross vorkamen, fanden sie dank der Einfachheit und Aufrichtigkeit ihres Freundes ihre Unschuld wieder.


"Nun wollen wir die Ereignisse des Jahres durchgehen und sehen, welche Lektionen wir draus lernen können. Ihr wisst, was begriffen worden ist, muss man nicht mehr zu verstehen lernen und so verhindert ihr, im nÀchsten Jahr wieder mit denselben Situationen konfrontiert zu werden. Anschliessend wollen wir die traurigen Erinnerungen dieses Jahr hinter uns lassen und uns auf das kommende Jahr freuen".

Die drei Freunde sitzen im Kreis, so dass sie in der Mitte einen freien Platz lassen. Mit Liebe, Sanftmut und VerstĂ€ndnis wĂ€hlt Samor fĂŒr jedes Kind Situationen aus, die das Kind unter dem Jahr verletzt haben und andere, die sein Herz erfreut haben. FĂŒr jedes trauriges Ereignis nimmt er einen kleinen schwarzen Stein aus seinem grossen spitzigen Hut und fĂŒr jedes freudige Ereignis einen weißen Stein. Die Kinder schichten die Steine in der Mitte des Kreises zu einer Pyramide auf.


Endlich ist die Pyramide fertig und die TrĂ€nen ĂŒber freudige oder traurige Erinnerungen sind getrocknet.

Die Kinderaugen funkeln in Erwartung des grossen Moments, den sie schon so gut kennen, und der trotzdem jedes Mal ein Wunder ist.


Samor öffnet den kleinen Lederbeutel, der am Gurt seiner rauen grĂŒnen Hose hĂ€ngt und nimmt daraus eine kleine Prise Goldstaub. Er bestreut die Pyramide ganz fein mit etwas Goldstaub und spricht die magischen Worte


"Die Vergangenheit ist Vergangenheit und hat keinerlei Einfluss mehr auf Gegenwart und Zukunft".


Bastien und Sophie sehen verblĂŒfft zu, wie ein schwarzen Kiesel nach dem anderen in einer goldenen Wolke heller wird, bis es schliesslich ganz weiss ist.. Dann schimmert die ganze Pyramide in tausend Farben, bevor sie schliesslich in einem kleinen Feuerwerk komplett verschwindet.


Die Kinder lachen und klatschen mit den HĂ€nden, geblendet von all den Farben und glĂŒcklich ĂŒber die plötzliche Leichtigkeit, die sie empfinden.

"Etwas Gutes ist geschehen, und jetzt ist es Zeit
", verkĂŒndigt Samor freundliche, glĂŒcklich darĂŒber, dass er seinen Freunden dabei helfen konnte, vergangenen Kummer hinter sich zu lassen.


Die Zeit ist so schnell vorbei und das diesjĂ€hrige Treffen nĂ€hert sich seinem Ende. Mit traurigen Herz, umarmen Bastian und Sophie den kleinen Elf zum Abschied. Sie wissen, der treue Samor wird sie wĂ€hrend des Jahres begleiten, sie werden seine unsichtbare Anwesenheit und UnterstĂŒtzung spĂŒren, und er wird sie regelmĂ€ĂŸig in ihren TrĂ€umen besuchen kommen.


"Ein Freund fĂŒrs Leben", hatte er Sophie und Bastien bei ihrer ersten Begegnung versprochen, als die Zeit des Abschieds gekommen war und ihnen ans Herz gelegt:


"Versprecht mir, das Herz eines lachenden und glĂŒckliches Kindes zu behalten, offen zu bleiben fĂŒr andersartige Menschen und zu vermeiden, ĂŒber andere zu urteilen.

Pflegt diese Eigenschaften, und ich werde immer fĂŒr euch sichtbar bleiben. "


Mit glÀnzenden, die beiden Kinder schelmisch anblickenden Augen verspricht Samor "Bis nÀchstes Jahr!", und verschwindet in der Sternennacht von Weihnachten.


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​© Catherine Nuurja Mesot 

   

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